Stimmen zum Pflegebudget
Michaela Röber, Junior Professorin für Pflegemanagement Fachhochschule Frankfurt/Main
Case Management so wichtig wie das Pflegebudget selbst
Welche Erwartungen, Hoffnungen, Bedenken verbinden Sie mit dem Projekt "Persönliches Budget"?
Das persönliche Pflegebudget bietet den Pflegebedürftigen und den pflegenden Angehörigen grundsätzlich eine größere Variationsbreite und Selbständigkeit, wie die notwendigen Pflege- und Betreuungsleistungen im Einzelfall sinnvoll zusammengesetzt werden sollen. Da das Pflegegeld niedriger bemessen ist als die Pflegesachleistung, kann das Pflegebudget in Höhe der Sachleistung ein zusätzlicher Anreiz zur Übernahme von Pflegen im Privathaushalt sein.
Voraussetzung für ein Funktionieren der weitestgehend selbstständig organisierten Pflege mit höheren finanziellen Mitteln als bislang ist aber auch, dass der Pflegebedürftige bzw. die Angehörigen Kenntnisse darüber haben, welche Formen und Möglichkeiten zum "Einkauf" der Pflegeleistungen bestehen. Information, Beratung und Hilfen bei der Vermittlung der individuell passenden "Pflegemixes" aus professioneller Pflege und selbstorganisierter Pflege sind daher im Sinne von case management genauso wichtig wie das Erproben des Pflegebudgets selbst.
Hier stellt sich die Frage, wo und durch wen diese case management Strukturen verankert werden können, damit sie dem Betroffenen die notwendigen Hilfen und Beratungen geben können. Eine weitere wichtige Frage im Zusammenhang mit dem Projekt Pflegebudget ist die Evaluation der Qualität der auf diese Weise selbständig zusammengesetzten Pflege. Es müssen Rahmenbedingungen erarbeitet werden, die es verhindern, dass das Pflegebudget Anreize zu finanziellen Mitnahmeeffekten bietet, die keine Optimierung der häuslichen Pflegesituation bewirken.
Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach ein Persönliches Pflegebudget für die Zukunft der Pflegeversicherung?
Die Pflegeversicherung ist als familienergänzendes bzw. unterstützendes System angelegt. Betrachtet man sich das heutige Inanspruchnahmeverhalten, scheint die Rechnung aufzugehen: Ca. 70 % der knapp 2 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Hiervon nimmt noch ein überwiegender Anteil (rund 55%) das Pflegegeld in Anspruch. D.h. die Organisation der Pflege erfolgt zum überwiegenden Anteil über Angehörige, hauptsächlich noch durch Ehefrauen oder Schwiegertöchter.
Inwiefern diese Potenziale aber auch in Zukunft noch so ausgeprägt sein werden wie heute, hängt von vielen Rahmenbedingungen ab, wie z.B. auch sich ändernden Lebensstile (zunehmende Erwerbstätigkeiten von Frauen, grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme von Pflege) und der Zunahme von Singelhaushalten, in denen keine Angehörigen zur Übernahme von Pflegen bereit stehen.
Die Leistungen und Strukturen des Pflegeversicherungsgesetzes müssen diese sich ändernden Verhältnisse aufgreifen und berücksichtigen, da ansonsten das ursprüngliche Ziel "Vorrang der häuslichen Pflege" , das sich am traditionellen Familienleitbild orientiert, nicht mehr umgesetzt werden kann. Dies führt letztlich auch zu einer Verteuerung des Systems.
Erwarten Sie, dass das Persönliche Pflegebudget flexiblere Betreuungs- und Pflegearrangements schaffen wird?
Als einen Erfolg würde ich es werten, wenn die positiven Anreize, die vom Pflegebudget ausgehen dazu führen, dass sich die "klassische Angebotsstruktur" der ambulanten Dienste weiter ausdifferenziert über die Grund- und Behandlungspflege sowie Hauswirtschaft hin zu Betreuungsformen, die für die pflegenden Angehörigen und die Pflegebedürftigen genauso von Bedeutung sind wie die Pflegeleistungen selbst. Hier hat das PflEG mit den niedrigschwelligen zusätzlichen Betreuungsangeboten noch nicht dazu geführt, dass ambulante Dienste diese Leistungen vermehrt anbieten.
Die Betroffenen selber werden komplexere Handlungsmöglichkeiten entwickeln, wenn sie in die Lage versetzt werden, als Kunde zu handeln. Die Kernfrage wird sein, inwieweit der alte Mensch oder der "Pflegemanager" des Privathaushaltes die notwendige Kundensouveränität entwickelt, die erforderlich ist um sich "marktgerecht" zu verhalten. Hier können die case manager eine zentrale Rolle spielen. |